Nachbarschaft

Sigrid Kneist, February 22, 2022

Eine Brücke zwischen Ost und West. Friedenau ist seit jeher ein bevorzugter Ort von Kreativen, Künstlern, Literaten. Etwas zurückgezogen, ein bisschen abseits der City-Hektik und der angesagten Kultur-Hotspots, aber immer noch nah genug dran am Zentrum Berlins. Direkt am Friedrich-Wilhelm-Platz, in einer wunderschönen Landhausvilla in der Goßlerstraße öffnete im vergangenen September eine kleine Galerie: die Art East Gallery. Und sie hat einen Schwerpunkt, der heute nicht aktueller sein könnte. Die aus Paris stammende Galeristin Cornélia Schmidmayr, die die Galerie gemeinsam mit der Franko-Ukrainerin Ivanna Bertrand gründete,  konzentriert sich darauf, zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler vor allem aus der Ukraine, aber auch aus ihren Nachbarstaaten zu vertreten und zu präsentieren. Die Art East Gallery hat zudem Standorte in Kiew und Paris. Im Herbst soll noch eine kleinere Dependance in Brüssel hinzukommen.

Besuch in Friedenau. An diesem Tag Mitte Februar hängen in dem Ausstellungsraum im Erdgeschoss der Villa wunderschöne Fotografien der Künstlerin Viktoria Sorochinski, die mit der Großformatkamera „Hasselblad“ auf einer Insel in Norwegen aufgenommen wurden und die man aufgrund ihrer farblichen Komposition fast für Gemälde halten könnte. „Brother and Sister“ heißt die Ausstellung, die neben Bildern zweier Geschwister auch Stillleben zeigt. In der kommenden Woche weichen die Fotografien den Werken einer Künstlerin aus dem ukrainischen Lemberg (Lwiw) mit dem Künstlernamen Kinder Album.

 

Eröffnung in der kommenden Woche. Am Freitag, 4. März, soll die Eröffnung sein. Und die Künstlerin wolle auf jeden Fall bei der Vernissage dabei sein und mit dem Auto anreisen, „egal was passiert“, sagt Schmidmayr. „Ihr Kommen ist ein sehr wichtiges Zeichen für die ukrainische Kunst. Diese Eröffnung hat daher eine besondere Bedeutung.“ Lemberg liegt in der Westukraine und ist nicht so weit von Berlin entfernt, wie viele hierzulande vielleicht denken. Es sind keine 1000 Kilometer. „Es ist näher als Paris“, sagt Schmidmayr, die gebürtige Pariserin ist und eine aus Berlin stammende, deutsche Mutter hat.

 

In Kiew verliebt. Schmidmayr und ihre Familie haben in der ukrainischen Hauptstadt vier Jahre lang gelebt. Von 2014 bis 2018 war sie dort für das Kulturinstitut der französischen Republik, das Institut Français, tätig. Anschließend war sie Kulturattachée an der französischen Botschaft in Wien, bevor sie im vergangenen Jahr nach Berlin zog. Kiew hat sie und ihre gesamte Familie sofort in seinen Bann gezogen. „Mich hat es an das Berlin der neunziger Jahre erinnert“, sagt die 40-Jährige, die in der Nachwendezeit auch häufig in Berlin war. In Kiew sei noch die Aufbruchstimmung zu spüren gewesen. Und vor allem traf Schmidmayr in der ukrainischen Metropole auf eine lebhafte, faszinierende Kunstszene voller Kreativität, die sie bis heute begeistert. „Die Künstler sind neugierig, haben keine Angst, etwas auszuprobieren, auch nicht davor, vielleicht damit zu scheitern.“ Sie arbeiteten mit vielen Techniken, vielen verschiedenen Materialien, seien sehr einfallsreich.

 

Aus dem deutschen Schulunterricht bekannt. Die Galerie vertritt beispielsweise das Künstlerduo EtchingRoom1, Kristina Yarosh and Anna Khodkova, aus Kiew. Die beiden arbeiten beispielsweise gerne mit Linoldruck. Ein Verfahren, das hierzulande viele aus dem Kunstunterricht kennen, als sie sich einst selber mit Messerchen abmühten, Konturen in das Linoleum zu schnitzen, um so eine Druckplatte herzustellen. In Frankreich sei Linolschnitt/-druck nicht so bekannt, sagt Schmidmayr. EtchingRoom1 schafft wahre kleine Kunstwerke mit teils filigranen, oft auch humorvollen Szenen. Eins der Werke zeigt eine vollbesetzte Tram, in der man die Gesichter der Fahrgäste studieren kann, ein anderes einen Blick durch die Fenster eines Wohnhauses in Coronazeiten. Die beiden Künstlerinnen arbeiten aber auch mit anderen Materialien, etwa mit alten Fliesen aus Sowjetzeiten, die sie mosaikartig zusammensetzen – zu einem Dackel beispielsweise.

 

Die Rolle der Galerie. Schmidmayr versteht die Galerie als Brücke, die die osteuropäischen Künstlerinnen und Künstler mit Westeuropa verbindet, sie hier bekannter macht und auch den Austausch mit hiesigen Künstlern fördert. Im Juni soll es dazu ein „Artist in Residence“-Programm in der Bretagne geben. In Berlin sind jährlich fünf Ausstellungen geplant. Die nächste also ab kommender Woche heißt „Once upon a time three dead parrots (Es waren einmal drei tote Papageien)“ mit Werken von Kinder Album, die oft – aber nicht nur – mit Humor gesehen werden sollten. Ein Bild zeigt die Queen, umgeben von ihren Corgies, aber nicht nur als lebende Hunde, sondern auch als Pelz um den Hals.

Und man möchte auch wirklich wünschen, dass die Künstlerin es schafft, zur Eröffnung ihrer Ausstellung aus der Ukraine nach Deutschland zu kommen.

 

  • Art East Gallery, Goßlerstraße 1, geöffnet werktags 16 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung. arteastgallery-bk.com,/Foto: ArtEastGallery