Nachbarschaft

Sigrid Kneist, Tagesspiegel , May 17, 2022

 Kristina Yarosh und Anna Khodkova, Etchingroom1, Künstlerinnen aus Kiew, derzeit mit einer Ausstellung in der ArtEast Gallery

Ausstellungen haben in der Regel einen monatelangen Vorlauf. Bereits im Oktober plante die in Friedenau ansässige Galeristin Cornélia Schmidmayr, die Werke der ukrainischen Künstlerinnen Kristina Yarosh und Anna Khodkova auszustellen, die seit 2016 zusammen unter dem Namen Etchingroom1 arbeiten. Damals hatten die beiden Frauen gerade eine neue Radierung fertiggestellt: Sie zeigte eine Bombe. Die Künstlerinnen waren davon überzeugt, die Bombe müsse auf jeden Fall auf das Ausstellungsplakat. Schmidmayr fand es zunächst zwar ein wenig provokant, aber hatte natürlich auch nichts dagegen. Angesichts des Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine ist die Bombe der Künstlerinnen nun mehr als aktuell. In der vergangenen Woche wurde die Ausstellung von Etchingroom1 in der ArtEast Gallery eröffnet. Die Künstlerinnen haben es auch geschafft, dafür aus dem Kriegsland nach Berlin zu kommen.

„It was crowded yesterday“ heißt die Ausstellung. „Gestern war es voll“. Oder aber „überlaufen“, so kann man es auch übersetzen Der Titel ist durchaus zweideutig zu verstehen. Einerseits kann man ihn auf das eigentlich pralle Leben auf den Straßen in den ukrainischen Städten vor dem Krieg beziehen, andererseits aber auch auf die vollen Züge und Bahnhöfe des Landes, wo sich die vielen Menschen sammeln, die sich auf der Flucht befinden.

Getrennt durch den Krieg. Die Künstlerinnen leben und arbeiten eigentlich in Kiew. Aber der Krieg hat auch sie zunächst auseinandergerissen. Kristina Yarosh verbrachte die Zeit nach dem Angriff zunächst in Lwiw, im Westen des Landes. Anna Khodkova blieb in der Hauptstadt Kiew. Über so viele Wochen waren sie in ihrer künstlerischen Arbeit noch nie getrennt. Sie fanden aber einen Weg, doch gemeinsam kreativ zu sein. Sie arbeiteten digital an Comics, schickten sich die Versionen via Internet hin und her. In den vergangenen Wochen hatte das Duo Etchingroom1 aber nicht nur die Folgen des Krieges zu bewältigen, es stand auch vor anderen handfesten Problemen. Der Vermieter hatte von einem Tag auf den anderen ihr Atelier, ihr Druckstudio gekündigt, so dass sie es komplett ausräumen mussten.

Eine alte Technik, aktuelle Themen. Etchingroom1 ist vor allem für seine Radierungen bekannt. Daher auch der Name – Etching ist der englische Begriff für Radierung. Das ist eine Technik des Tiefdruckverfahrens. Bei diesem wird ein vorgezeichnetes Motiv in eine mit Lack überzogene Kupferplatte geritzt. Die so entstandenen Rillen werden mit Säure weiter vertieft, so dass sie mit Farbe gefüllt werden können. Dann kann mit einer Presse gedruckt werden. Einer der ersten Künstler, der dieses Verfahren anwandte, war Albrecht Dürer, später wurden auch Rembrandts Radierungen weltberühmt. In der heutigen Kunst sind sie nicht mehr so stark vertreten. Es ist eine Technik, für die man sehr viel Geduld braucht, wie auch Yarosh und Khodkova sagen.

Einfluss von Comics. Diese spezielle Bildsprache entdeckt man auch in den Radierungen von Etchingroom1. Sie zeigen teilweise Szenen, die Comicstrips ähneln, wie etwa bei einem Werk aus dem Inneren eines U-Boots, das verschiedene Ausschnitte aus dem Leben unter Wasser zeigt. Im Mittelpunkt dabei wieder die Bombe, die den militärischen Zweck, die zerstörerische Kraft des U-Boots deutlich macht. Oder die Radierung eines Raumschiffs, in dem Außerirdische wohl grausame Laborversuche mit Menschen machen. Bei aller Drastik blitzt allerdings auch meist Humor auf. Denn auf viele Werke schafft es fast immer ein Hund oder eine Katze, die es irgendwo – ob zwischen Menschenversuchen oder in einem Tod bringenden Kriegsschiff – zu entdecken gibt.

Ein anderer künstlerischer Schwerpunkt. Der liegt bei Etchingroom1 in Mosaiken. Diese erstellen sie aus alten Kacheln, die noch aus der Sowjetzeit stammen und die sie wieder neu zusammensetzen – zu einem Dackel etwa oder zu einem rudimentären Kopf eines Besatzungsmitglieds aus ihrem Unterseeboot. Die Farbauswahl dieser Kacheln ist sehr begrenzt – sie sind blassgrün, blassblau, beige und schwarz.

Die Galerie. Nur wenige Tage vor Kriegsbeginn habe ich die ArtEast Gallery mit ihrem Schwerpunkt auf Kunst aus der Ukraine hier vorgestellt. Wie aktuell das Bemühen um die Kunstwerke aus dem osteuropäischen Land werden würde, war damals nicht zu ermessen. Schmidmayr, die von 2014 und 2018 mit ihrer Familie in Kiew lebte und dort für das französische Kulturinstitut, Institut Français, tätig war, hat es sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die ukrainische Kunst, die Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen. Sie ist sich sicher, dass deren Kunst auch Hoffnung für das Land bedeutet. Schmidmayr gründete zu diesem Zweck mit ihrer Galerie-Mitstreiterin Ivanna Bogdanova-Bertrand eine Stiftung. Und sie gibt auch ganz praktische Unterstützung. In ihrem Haus in Friedenau steht auch immer ein Gästezimmer für ukrainische Künstlerinnen und Künstler bereit.

 

Foto: ArtEast Gallery